Ein Jahr Flüchtlingshilfe aus der Sicht eines Helfers

Für mich war das Jahr 2016 sehr emotional, Freude und Trauer lagen oft sehr nah beieinander. Da waren zu Beginn des Jahres die vielen Kleiderspenden aus der Bevölkerung, die wir in den Sammelunterkünften in der alten Schulturnhalle und der Zeltstadt in der Eutingerstr. verteilen konnten.

Der erste Besuch mit den Kindern aus den Unterkünften im Hallenbad, damals noch alle samt Nichtschwimmer. Mittlerweile kann der Großteil der Kinder schwimmen, springen von den Startblöcken und Abklatschen mit dem Bademeister gehören mittlerweile zum festen Programm des Schwimmbadbesuchs.

Der Kinderspielnachmittag fand das erste Mal in der Zeltstadt statt. Bei Musik, Brezeln und Kuchen konnten die Augen der Kinder endlich wieder strahlen.

Endlich WLAN in der Schulturnhalle. Ein Wunsch unserer neuen Mitbürger konnte erfüllt werden und es gab WLAN.

Einer der schönsten Tage für mich war der Tag an dem für uns das typische arabische Gericht Mluchie gekocht wurde. Es war so ein wundervoller Tag, während die Frauen stundenlang an der perfekten Mluchie feilten, wurden in der Halle die Tische gedeckt, getanzt, gelacht und die Probleme wenigstens für ein paar Stunden vergessen.

Kurz nach einem der schönsten Tage kam aber auch der für mich schwerste und traurigste Tag, der Abschied unserer serbischen Familie um Abu Naser. Die leider nicht in Deutschland bleiben durften, obwohl sowohl die Eltern als auch die Kinder beim Lernen der deutsche Sprache mit die größten Fortschritte machten.

Der Männerabend wurde von vielen Männern genutzt um mal raus aus den Unterkünften zu kommen. Parallel fand eine Waffelbackaktion für die Frauen und Kinder statt.

Die tägliche Hausaufgabenbetreuung hat sich etabliert und die Kinder sprechen und verstehen von Tag zu Tag besser deutsch.

Auch die Jugendlichen aus dem Jugendhaus in Niefern engagieren sich vorbildlich in der Flüchtlingshilfe. Es wurde ein Brettspielnachmittag in den Faschingsferien mit Helfern aus den verschiedenen Arbeitskreisen durchgeführt. Bei dem alle möglichen Spiele wie Topfschlagen, Memory etc. gespielt wurden.

Wir besuchten mit einer sehr großen Gruppe die Ausbildungsmesse in Pforzheim und verschafften unseren neuen Mitbürgern einen ersten Überblick in die deutsche Arbeitswelt.Nicht nur Deutsch wurde in den Unterkünften gelernt, wir Helfer lernten auch fleißig arabisch. „Yala yala (schnell, schnell)“ und „wallah (so ähnlich wie ich schwöre)“ gehören mittlerweile zum Grundwortschatz vieler Helfer. Auch sich auf arabisch vorstellen macht den Helfern keine Probleme mehr („ana ismi (ich heiße)). Damit, dass wir Helfer versuchen arabisch zu sprechen, wollen wir den neuen Mitbürgern versuchen die Angst zu nehmen etwas Falsch auf Deutsch zu sagen oder zu betonen. Im Frühjahr kam zu den oben erwähnten Wörtern noch ein neues Wort hinzu: „Batinage“. Jedes mal wenn wir die Unterkünfte besuchten wurde es uns von den Kindern entgegen geschrien. Batinage ist arabisch für Inlineskates. Die Kinder haben Jugendliche beobachtet die im Schulhof mittags Hockey mit Inlinern spielten und wollten dies auch lernen. Dank vieler Spenden aus der Bevölkerung konnten wir den Kindern diesen Wunsch erfüllen und dank den Jugendlichen aus dem Jugendhaus konnte auch Hockey gespielt werden.

Während unsere neuen Mitbürger von Woche zu Woche besser deutsch lernten und ihr Lächeln wieder fanden, spitze sich die Lage der geflüchteten Menschen in Griechenland, speziell in Idomeni weiter zu. Auch hier zeigten die Niefern-Öschelbronner wieder ihre großen Herzen. Es wurde fleißig gespendet.

Mittlerweile sind die neuen Mitbürger und Helfer so zusammengewachsen, dass wir uns als eine große Familie ansehen. Dies und ihre große Dankbarkeit bekommen wir Helfer immer wieder zu spüren in dem wir fürstlich bekocht werden. Denn Essen ist für sie ein Teil ihrer arabischen Kultur und Erinnerung an ihre Heimat die sie sehr gerne mit uns Helfern teilen wollen. So kann es auch sein, dass man nur mal kurz in die Unterkünfte geht, um dann erst nach 5 bis  6 Stunden wieder den Heimweg anzutreten und man sich dann fragt, wo die Zeit den hingegangen ist. So wie wir Helfer ihnen unserer Kultur näher bringen, bringen sie uns ihre Kultur näher. Chai (arabischer Tee) gehört mittlerweile zu den Grundnahrungsmitteln vieler Helfer ;-), auch wenn wir ihn noch nicht so gut hinbekommen wie unserer neuen Mitbürger. Mit zwei syrischen Jugendlichen haben wir im Jugendhaus Spätzle selbst gemacht, die Spätzlepresse wurde davor erst mal sehr kritisch beäugt und es wurde ungläubig gefragt „und da kommen Nudeln raus“. Im Frühjahr gab es dann endlich auch Bewegung beim BAMF und die ersten Familien bekamen ihre langersehnte Anerkennung. Leider ist bis heute kein System beim BAMF ersichtlich, wer wann und wie lange anerkannt wird. Diese Situation begleitet uns alle bis heute und ist für niemand nachvollziehbar und leider auch sehr frustrierend.

Im Mai besuchten wir auf Einladung der DLRG mit den Kindern aus den Unterkünften das Freibad und auf Einladung des Circus Bely den Circus. Es waren sowohl für die Kinder, an denen die lange Zeit in den Sammelunterkünften auch nagte und für die Helfer zwei sehr schöne Tage.

Mitte 2016 begann dann endlich der Auszug aus der alten Schulturnhalle und der Einzug in viele verschiedenen Wohnungen in Niefern-Öschelbronn. Ein sehr emotionaler Moment, da eine Zeit endete, die uns Helfer und neue Mitbürger zusammen geschweißt hat und die wahrscheinlich keiner mehr vergisst. Nachdem die letzte Familie die Unterkunft verlassen hatte, wurde die kompletten Halle von den neuen Mitbürgern geräumt und geputzt. Eine bis dahin einmalige Aktion im Enzkreis.

Mit dem Auszug kamen aber auch vor allem für die Helfer logistische Probleme auf. Bisher hat man mit einem Besuch in den Unterkünften alle einem liebgewonnen Menschen treffen können. Jetzt sind dafür mehrere Tage notwendig und die Woche reicht oftmals nicht aus um alle besuchen zu können. Aber dieses Problem wird von allen Helfern gerne in Kauf genommen, da man merkt, wie gut es tut, nach 9 Monaten in einer Sammelunterkunft wieder in den eigenen vier Wänden zu wohnen.

Im Herbst konnten dann auch die letzten Bewohner aus der Zeltstadt ausziehen und die Zeltstadt endlich geschlossen werden.

Gemeinsam mit 40 Kindern wurde der Wildpark in Pforzheim unsicher gemacht und im Haus der Geschichte in Stuttgart erfuhren die jungen Erwachsenen sehr viel über ihre neue Heimat Baden-Württemberg. Den krönenden Abschluss bildete der erfolgreiche Stand auf dem Nikolausmarkt in Niefern bei dem kulinarische Köstlichkeiten und handgemachte Dekoration verkauft wurden. Wir haben bis jetzt viel geschafft, aber es liegen noch viele große Aufgaben vor uns. So muss die Integration der neuen Mitbürger in die Vereine voran getrieben werden und auch Hilfe beim Schreiben von Bewerbungen und dann bei der Vorbereitung der Bewerbungsgespräche geleistet werden. Auch die Deutschkenntnisse müssen weiter gefördert und ausgebaut werden. Auch Ängste und Vorurteile in der Bevölkerung müssen weiter abgebaut werden, wie ein sehr weiser Helfer einmal gesagt hat „Die Menschen die hier nach Deutschland gekommen sind, sind Menschen wie du und ich. Sie haben zwei Beine, zwei Arme, einen Kopf und ein Herz. So müssen wir sie auch behandeln und nicht ausgrenzen oder vorverurteilen!“. Wenn eine Gemeinde in Deutschland diese sehr komplizierte Aufgabe meistert, dann ist es unser Niefern-Öschelbronn. Wir müssen nur lernen aufeinander zu zugehen und miteinander umzugehen.

Tobias (Tobi) Einwich 

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Ein Gedanke zu „Ein Jahr Flüchtlingshilfe aus der Sicht eines Helfers“

  1. Oh ja , wir sind eine sehr starke Gemeinde und können und sollten noch viel mehr zusammen halten. Egal ob Flüchtling, Kinder, Senior, Arzt oder Arbeiter, wir können in dieser Zeit nur zusammen halten und uns gegenseitig helfen und stärken.
    Ich/wir wollen das erlebte nicht vergessen, die Hochs und tief haben wir als Freunde gemeinsam überstanden und wir werden noch viel mehr überstehen.
    Man muss sich nur trauen Kontakt aufzunehmen, denn sie sind Menschen wie du und ich auch. Vielleicht haben sie/ du ängste, lasst sie uns gemeinsam ausräumen, wir kommen gerne mit und stellen euch unsere Freunde vor.

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